• Andy

Das neue 100-400mm Telezoom

Aktualisiert: Aug 6


Das neue Olympus M.Zuiko Digital ED 100-400mm F5.0-6.3 IS im Praxiseinsatz


Im Mai schickte mir Olympus ein Muster das neuen M.Zuiko Digital ED 100-400mm F5.0-6.3 IS, das am 4. August 2020 offiziell auf den Markt kommt mit der Bitte, das mal aus meiner Sicht und mit meinem Anspruch zu testen. Ich bin ehrlich, das Objektiv gehört eher weniger in mein Beuteschema, da es kein PRO Objektiv ist und ich das ED 300mm F4.0 IS PRO habe. Zudem warte ich wie jeder andere ambitionierte Naturfotograf sehnsüchtig auf das ED 150-400mm F4.5 TC1.25x PRO. Trotzdem hab ich mich drauf eingelassen und schreibe hier darüber.


Erster Eindruck

Als ich das Objektiv auspackte, war ich überrascht. Es sieht sehr robust aus, ist gut verarbeitet, hat eine Sonnenblende und Stativschelle mit dabei und liegt wuchtig, aber ausgewogen in der Hand. Beim Inspizieren fällt mir auf, dass die Abdichtung wie bei den PRO Objektiven einen guten Eindruck macht. Es ist grösser als ich erwartet hab, wiegt aber ca. 100 Gr. weniger als das 300er. (1180 Gr ohne / 1382 Gramm mit Stativschelle).


Man sieht im direkten Vergleich, dass es etwa wie das 300er wirkt. Das Filtergewinde an der Frontlinse ist mit 72mm etwas kleiner als die 77mm beim 300er. Erste Tests mit der M1 MkII zeigten, dass der Autofokus nicht geht. Kurzer Check und dann hab ich festgestellt, dass ich den Test nur mit der M1 MkIII und der M1X machen kann, denn deren aktuelle Firmware unterstützt das Objektiv. Aber ich denke, dass bei Markteinführung von Olympus die aktuellen Gehäuse auch alle mit der passenden Firmware-Adaption gehen.


Meine ersten Tests mit dem Objektiv machten mich dann doch neugierig, denn ich hatte einen sehr guten Eindruck bzgl. der Handhabung (Das zoomen läuft sehr sauber) und vor Allem auch der Bildqualität. Dem wollte ich zwar nicht nach Pixelpeeper-Manier auf dem Grund gehen, aber zumindest mit Bilder im direkten Vergleich mit den PRO-Objektiven mal schauen, wie sich dieses Objektiv schlägt.


Vergleich mit den Anderen

Also machte ich erstmal Tests im direkten Vergleich zwischen dem ED 300mm F4.0 IS PRO mit und ohne MC14, sowie dem ED 40-150mm F2.8 IS PRO mit MC20, denn das sind ja in etwa vergleichbare Brennweite-Bereiche. Der Autofokus macht im Übrigen im Bezug auf Geschwindigkeit und Präzision für mich keinen merkbaren Unterschied zu den PRO-Objektiven.


Hier ein paar direkte Vergleichsbilder:

(M1 MkIII, ED 100-400mm F5.0-6.3 IS @400mm ,1/400s, F6.3, ISO 200)

(M1X, ED 300mm F4.0 IS PRO ,1/1000s, F4, ISO 200, leichter Ausschnitt)

(M1X, ED 300mm F4.0 IS PRO +MC14 @420mm,1/500s, F5.6, ISO 200)


Also auf die nähere Distanz mit normalen Lichtverhältnissen kann man kaum einen Unterschied erkennen. Natürlich hat das 300er bei Offenblende F4.0 etwas mehr Freistellungsleistung, aber insgesamt hat das neue 100-400er eine exzellente Schärfe, einen schönen Übergang in die Unschärfe (Bokeh) und auch der Kontrast ist sehr vergleichbar, vor allem, wenn man faiererweise den MC14 nehmen muss bei 400mm um vergleichbar zu sein. Also dieser Test ist schon mal ganz gut.


Wie sieht es im Gegenlicht aus? Die nächsten Bilder zeigen einen direkten Vergleich:

(M1 MkIII, ED 300mm F4.0 IS PRO,1/200s, F4.0, ISO 200)

(M1X, ED 100-400mm F5.0-6.3 IS @400mm,1/125s, F6.3, ISO 200)


Natürlich ist das 300er hier etwas chremiger, aber ich muss schon sagen, dass das 100-400 gut mit Gegenlicht klarkommt. Es zeigt kaum Streu-Reflexe und ich bin mit den Ergebnissen recht zufrieden. Natürlich hat das seine Grenzen. Schliesslich reden wir von unterschiedlichen Preisklassen und Vergütungsqualitäten. Wenn man das nicht sehen würde, wäre die PRO-Serie ja sinnlos, aber dazu später mehr.


Idealer Begleiter auf Touren


Da ich nur sehr begrenzt Zeit hatte zum testen hab ich mir vorgenommen in der Region ein wenig zu fotografieren und bin mehrmals ins Briesetal gegangen. Das liegt nördlich von Berlin am Stadtrand und man kann an der Briese sehr gut wandern. Und wenn man wandern geht, zeigt das Objektiv einen seiner enormen Vorteile. Man kann mit zwei Objektiven im Rucksack den Brennweitenbereich von12mm (24mm KB) bis 400mm (800mm KB) abdecken mit einer hohen Qualität. Das ist klasse. Ich verwende für solche Touren, wenn es nicht nur um professionelle Fotografie geht, sondern auch ums Wandern, gerne den Lowepro Flipside Track BP 350 AW, über den ich auch schonmal berichtet hab.


Auf die Tour nehme ich dann folgende Ausrüstung mit:

  • Kamera OM-D E-M1 MkIII

  • ED 12-100 F4.0 IS PRO

  • ED 100-400 F5.0-6.3 IS

  • Polfilter + ND-Grau Vario

  • Ersatz-Akku

Und das ganze wiegt dann gerade mal 2.250 Gramm und bietet mir in Kleinbild-Sprache einen Brennweitenbereich von 24mm/F4 - 800mm/F6.3. Das ist sensationell und zeigt, dass Olympus hier seinem Motto gerecht wird, den Sweetspot zwischen Mobilität und Qualität zu bieten. So bin ich dann mehrmals frühmorgens losgezogen und viele Kilomenter gelaufen, mit einem sehr leichten Rucksack und ohne Stativ. Das gleiche dann auch mit dem Kanadier auf Seitenarmen der Havel um weiter zu testen.

(M1 MkIII, ED 12-100mm F4 IS PRO@12mm,1/20s, F6.3, ISO 400)


Entlang der Brise und auf der Havel gibt es viel zu entdecken und so ist ein weiter Brennweitenbereich sehr nützlich. Allerdings ist das Licht auch rar, und so musste ich manches mal an die Grenzen der Leistung des Objektives gehen. Dennoch sind die Bilder meiner Ansicht nach brauchbar und erfüllen durchaus professionellen Anspruch, wenngleich ich ja eigentlich "wandern" bin.


Hier ein paar Beispielbilder


Bei dem Reiherbild (Bild 3+4) und bei der Ente (Bild 10+11) kann man sehen, wie das zoomen der Brennweite von 100mm bis 400mm die Möglichkeit gibt, an die scheuen Tiere "heranzukommen". Ebenso zeigt der Schnappschuss des Rotkehlchens, das ich mit Wurm erwischte und bei 400mm Brennweite mit 1/15s belichtet habe , dass die Bildstabilisierung wie gewohnt exzellent funktioniert und bis ca. 3-4 Blendenstufen ausgleicht (Bild 7). Es macht schon Spass, soviel Möglichkeiten zu haben. Es ist zwar nicht die Sync.-Leistung, wie bei den PRO-Objektiven, aber trotzdem sehr gut zu nutzen.


Einschränkungen

Kommen wir zu den Einschränkungen, die natürlich auch real sind und wer mich kennt, weiss, dass ich dazu auch eine Meinung habe. Das Objektiv ist sehr gut und bietet viele Möglichkeiten für ambitionierte (Hobby-)Fotografen, die vor allem mobil sein wollen, im Rucksack Platz für andere Dinge brauchen und trotzdem hohe Qualität erwarten. Wenn es in den Bereich der professionellen Tierfotografie geht oder Fotografen häufig unter sehr lichtschwachen Bedingungen arbeiten wollen, hat das Objektiv seine Grenzen. Drei Effekte sind hier zu beachten.

  1. In extremen Lichtbedingungen mit großem Kontrastunterschied sieht man bei 400mm die optische Grenze deutlicher als bei den PRO-Objektiven. Das zeigt sich durch einen leichten, weissen Farbsaum an den Kontrastkanten. Ein Phänomen, das man bei den PRO Objektiven nur mit Konverter sieht.

  2. Wenn das Licht nachlässt wird es natürlich schneller eng mit einer Offenblende von 6.3 und die Freistellungsmöglichkeiten schrumpfen auch. Dessen muss man sich einfach bewusst sein im Vergleich zum ED 300mm F4 IS PRO und dem neuen 150-400, das kommen soll. Diese Objektive sind allerdings auch deutlich teuerer und schwerer.

  3. Die volle Leistung des Olympus Bildstabilisators ist nicht ganz zu nutzen, denn die Synchronisierung zwischen Kamera-Sensor und Objektiv funktioniert bei diesem Objektiv nicht.

(1:1 CROP, leichter weisser Saum an der Schnabeloberseite zu sehen)


In der allgemeinen Handhabung ist mir aufgefallen, dass die Gefahr besteht, beim Hantieren leicht an den IS-Schalter zu kommen und unbemerkt abzuschalten. Ein weiterer Aspekt ist die Naheinstellgrenze, die mit ca. 1,3m deutlich länger ist als bei den PRO-Objektiven. Diese Einschränkung mag ich nicht so sehr. Wer gerne Tele-Macros macht an der Naheinstellgrenze hat hier nicht die Möglichkeiten, wie bei der PRO-Linie.

Das war es aber dann auch schon mit den Einschränkungen und ich denke, dass diese Aspekte im Bezug auf das Preis/Leistungsverhältnis und Gewicht zu verschmerzen sind.


Fazit

Insgesamt bin ich überzeugt, ja sogar überrascht, wie leistungsstark das neue M.Zuiko Digital ED 100-400mm F5.0-6.3 IS daherkommt, vor allem auch bei einem Preis von ca. 1.300 EUR. Ich kann es uneingeschränkt als Telezoom, vor allem für die Reise-, Wander- und anspruchsvolle Allround-Fotografie empfehlen.


Hat man häufig den Einsatz in Extremsituationen vor, sollte man allerdings bei der PRO Linie bleiben und so würde ich selbst dieses Objektiv nur dann einsetzen, wenn ich das ED 40-150mm F2.8 PRO, das ED 300mm F4 IS PRO und die Konverter MC14 und MC20 nicht mitnehmen kann aus Platz- oder Gewichtsgründen.


Das muss am Ende natürlich jeder für sich selbst entscheiden, wo er hier die Grenzen des Kompromisses zwischen Gewicht, Preis und Leistung zieht. Hier zeigt Olympus aber wieder einmal neu, dass Qualität auch in diesem Segment auf einem sehr hohen Niveau möglich ist.


In den kommenden Wochen werden sicherlich tonnenweise Testberichte veröffentlicht werden. Meine persönliche Meinung aus dem Anwenden in der Natur ist hier wiedergegeben.


Andreas Geh

967 Ansichten

© 2020+ by Andreas Geh - Nature Photoarts.

  • Youtube
  • LinkedIn Social Icon
  • Facebook Social Icon
  • Black Facebook Icon
  • Black Instagram Icon

Marwitzer Str. 64 D, DE-16727 Bötzow, +49 175 4372 859, www.nature-photoats.com, www.geh-photo.org